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Im Gespräch: Brigitte Lämmle

Brigitte Lämmle wurde durch ihre TV-Show “Lämmle live” als TV-Psychologin bekannt. Bereits in den 70ern leistete sie als Teil des BRAVO Dr. Sommer-Teams Pionierarbeit für die sexuelle Aufklärung der deutschen Gesellschaft. Im couch:now-Programm “Soforthilfe bei Beziehungsproblemen” spricht die Systemische Paar- und Familientherapeutin über Eifersucht, Hierarchien in Familien, die richtige Balance von Nähe und Distanz, wie Partner:innen aus festgefahrenen Konfliktmustern herauskommen und was sich für ein gutes “Paarklima” tun lässt. In einem sehr persönlichen Interview spricht Brigitte Lämmle mit Dr. Stefan Junker von couch:now u. a. über ihre inneren Antreiber, über Abhängigkeit und Humor. 

von Dr. Stefan Junker und Maria Schmidt

Dr. Stefan Junker: Seit 50 Jahren sind Sie medial präsent und treiben mit Ihren Beiträgen in Print und Fernsehen die sexuelle und emotionale Aufklärung der deutschen Gesellschaft voran. Das finden wir wirklich bemerkenswert. Wie würden Sie sich und Ihre Arbeit den couch:now-Nutzer:innen vorstellen?

Brigitte Lämmle: Wenn ich mich vorstellen sollte, dann ist das eine Karriere des lebenslangen Scheiterns. Ich liebe jeden Tag und ich lebe in den Tag. Ich komme wie die Jungfrau zum Kinde. Ich geh´ voller Schwung – meistens – in den Tag und auch in meiner Arbeit.

Dr. Stefan Junker: … Und was treibt Sie dabei an?

Brigitte Lämmle: Ich bin 75 und höre immer wieder die Rentendiskussion. Wobei ich mich nicht mit anderen vergleichen möchte. Ich habe nicht am Bau gearbeitet. Aber 75 ist für mich noch kein Rentenalter, sondern ein Arbeitsalter wo ich hingucke: “Da musst du nochmal genau hinhören, das musst du noch verändern”. Ich habe einerseits einen Antreiber und eine Freude in mir drin und andererseits ist es Neugierde: Ich finde Menschen unfassbar spannend. Und vielleicht zeichnet mich da auch eine Qualität aus: Ich bin neugierig auf jeden Menschen. Ich versuche das Schubladendenken wegzulassen und auf jemanden zuzugehen ohne die Etikettierung ‘Depressionen’ oder ‘schlägt sein Meerschweinchen’ …, sondern ich bin neugierig auf ihn.

Da fällt mir ein dramatisches Bild ein: Ich habe mit einem gewalttätigen Mann gearbeitet. Die Gewalt will ich nicht erzählen, aber sie war so, dass ich mich fast geweigert habe, ihn beruflich zu akzeptieren und anzunehmen … Und ich hab dann mit ihm in der Imagination an einem Bild gearbeitet, eine sogenannte Tranceinduktion. Ich sagte, ich hätte das Geheimnis vom weinenden Mann entdeckt: Manche Männer weinen nach innen. Und der weinende Mann, der würde weit aufs Meer raus segeln. So weit, dass ihn keiner mehr vom Land aus sieht. Und dann könnte er weinen. Und wenn ihr den Mann gesehen hättet… dann könnt ihr euch vorstellen, dass es einfach total schön ist, jemanden zu entdecken.

Dr. Stefan Junker: Dann wollen wir mal den couch:now-Nutzer:innen ermöglichen, Sie noch besser zu entdecken … Was macht Sie und Ihre Arbeit besonders?

Brigitte Lämmle: Ich würde diese beiden – einmal den Ehrgeiz mit diesem Zwangsanteil “Du musst unfehlbar sein” und zum anderen diese unglaubliche Freude und Neugierde an einem Gegenüber – das würde ich glaube ich als Qualifikation für mich sehen. Ansonsten… in den Tag reinleben. Was passiert, ist: Ich werde eingeladen… zu einer Veranstaltung, einem Vortrag oder einer Produktion wie hier. Das Einzige, was ich dann tue, ist tatsächlich auch mit meinem Antreiber zu reden: “Bist du gut genug? Was brauchst du dafür?”

Ich habe einen Freund, der Taxler. Der wohnt bei uns gegenüber. Ich bin immer noch viel unterwegs und der hat mich neulich gesehen, wie ich so freudestrahlend, zielorientiert zur S-Bahn vorgelatscht bin – ach nee, nicht gelatscht, eher gelaufen – und dann hat er zu mir gesagt: “Du bist eine Nomadin”. Und dann habe ich erstmal im Internet nachgeguckt, was Nomaden sind. Es heißt, sie ziehen immer dahin, wo das Überleben garantiert ist, sicherlich auch ein dramatisches, ein existenzielles Überleben. Vielleicht gehört es zu meiner Existenz dazu, offen für andere zu sein. Aber eigentlich würde ich mich ganz gern als Nomadin verstehen. 

Dr. Stefan Junker: Nun könnte man erwarten, dass es eine moderne Nomadin wie Sie beispielsweise in die Reisebranche hätte treiben können. Wie kommt es, dass Sie gerade den Beruf der Psychologin gewählt haben? 

Brigitte Lämmle: Na ja, über Psychologen gibt es ja sattsame Sprüche, sattsam doofe Sprüche: “Das machen die, die es selber nötig haben.”, “Ein Helfer wird der, der zu Hause geholfen hat.”, “Vom Laienhelfer zum Profihelfer”, … Wahrscheinlich trifft das alles auf mich zu oder auch nicht. Man sieht es mir vermutlich auch an: Ich habe immer noch so eine gesunde Trotzhaltung, die würde ich auch tatsächlich als eine große Ressource bei mir sehen. Mein Vater ist 1908 gebore, in Zeiten, wo das Rollenverständnis von Frauen komplett anders war. … Ganz nebenbei finde ich das übrigens auch in der Arbeit unheimlich spannend, wie sehr ausgeblendet wird, dass sich Zeiten verändert haben. Wurscht. … Mein Vater hatte mit Akademiker Frauen überhaupt nichts am Hut. Das Einzige, was er mir zugetraut hätte, wäre Volksschullehrerin gewesen. Alles andere hätte er nicht finanziert, obwohl das Geld da gewesen wäre. Und dann habe ich mir eigentlich überlegt: “Mit welchem Beruf kann er am allerwenigsten anfangen?” Medizin hätte er – obwohl er ein sehr kluger war – das hätte er noch umrissen. Aber mit Psychologie konnte er gar nichts anfangen. Und dann habe ich mich für Psychologie entschieden. Übrigens entsetzlich durchs Studium – also nicht mich, sondern die Professoren – gequält. In einer Prüfung – ich glaub, das war Statistik – da haben sie gesagt: “Wir geben ihr jetzt die Note, weil sie wird es nicht mehr lernen”. Also da hatte ich einen lieben Menschen, der mich unterstützt hat. Entsetzlich. Meinen Mann hätte ich übrigens früher kennengelernt, weil der hat die Psychologie-Vorlesungen gemacht. Er ist Jurist, ich war nie da.

Dr. Stefan Junker: Danke für diesen ehrlichen Einblick. Wie würden Sie Ihren Therapie-Stil beschreiben?

Brigitte Lämmle: Ich hatte mal einen unglaublichen Klienten, einen wunderschönen Mann, der mich alleine dadurch beeindruckt hat, dass er, wenn er abends kam, immer noch Bügelfalten in der Hose hatte. Also, ich hab kein Bügeleisen. Das Kontrastprogramm war also groß. Und der stand irgendwann mal in der zweiten Sitzung auf – und bei mir ist es schon relativ ordentlich im Raum – stand auf und hatte so ein ganz kleines Fippselchen Dreck auf meinem Boden, Papierrest oder so, gefunden. Hebt das so auf, steht auf und bringt es zu mir und ich Doofibolla halte auch noch meine Hand hin und lasse mir das Papier auf die Hand legen. Und da hab ich mich über mich selber so geärgert, dass ich mir dachte: Na warte… das zahle ich Dir heim. Und es war Winter und ich hatte meinen Olivenbaum im Therapiezimmer, dann fallen ja eh die Blätter. Und dann hab ich den Olivenbaum geschüttelt, geschüttelt, geschüttelt, geschüttelt und habe dann noch die Blätter so über den ganzen Therapieraum verteilt. Und dann kam dieser ordentliche Klient und hatte viel zu tun. Das würde, glaub ich, meinen Therapie-Stil am besten bezeichnen: Stören, wo stören hilfreich ist… um mit diesem Stören zu bezwecken, dass mein Gegenüber eine andere Haltung zum Leben gewinnt. Und der kam wegen einer On-Off-Beziehung, die schon viele, viele Jahre gehalten hat und nach diesem Blätterwald-Drama – wir haben sicherlich auch noch mehr gearbeitet  – hat er was ganz Tolles gemacht. Er ist auf irgendeinem ansonsten kaum befahrbaren chinesischen Fluss – ich weiß nicht mehr welcher – mit einem gecharterten Schiff gefahren und hat seiner Freundin einen Heiratsantrag gemacht und die Verlobung gefeiert. Und für mich ist das so ein Happy End, dass Ungewöhnliches in einem Zwangssystem sein darf. Aber wirklich nur, wenn man stört. Wenn ich es in Kurzform sagen würde: Ich störe gerne.

Dr. Stefan Junker: Wenn man sich Ihre Videos anschaut, fällt ein Aspekt besonders auf: Ihr Humor. Welche Rolle spielt Lachen und Humor für Sie?

Brigitte Lämmle: Alles. Das hab´ ich auch schon studiert, weil die Rückmeldung kenn´ ich. Mit Lachen kannst du Ebenen wechseln. Mit Lachen kannst du Nähe herstellen. Mit Lachen kannst du tatsächlich auch Distanz herstellen: Wenn du lachst, kannst du einen Schritt zurückgehen, aber den Kontakt nicht verlieren. Ich weiß nicht, ob ich das manipulativ einsetze, vermutlich auch, aber es gehört für mich dazu. Humor gehört zu unserer Familie. Viele schmerzliche Situationen, die jede Familie kennt, werden bei uns immer auch mit Humor beantwortet. Also humorlos ist bei uns keiner.

Dr. Stefan Junker: Gibt es etwas, wovor Sie Paare gerne bewahren würden… wenn Sie es könnten?

Brigitte Lämmle: Sorgen mache ich mir über die Einsamkeit. Damit meine ich nicht nur die Einsamkeit alleine zu leben, sondern auch die Einsamkeit innerhalb von Partnerschaften. Soviel ich weiß, hat München jetzt ein Ministerium für Einsamkeit, Frankreich hat eine Ministerin für Einsamkeit … Besser ist es glaube ich: Paare raufen sich zusammen oder arbeiten daran oder verlassen sich. Aber sie sind wünschenswerterweise immer in Bewegung. Also Einsamkeit in Zweisamkeit gibt es auch. Das halte ich für die größere Gefahr.

Dr. Stefan Junker:  Was wünschen Sie Ihren Klient:innen und was möchten Sie ihnen mit auf den Weg geben?

Brigitte Lämmle: In meinem Familiensystem gab es Abhängigkeiten von Alkohol und Tabletten. Ein Leben lang hat mich das Thema Abhängigkeit nicht losgelassen. Ob ich das Klienten wünsche, weiß ich nicht. Ich bin immer froh, wenn sie gehen. Die sind es auch, weil ich bin ja eher Kurzzeit-Therapeutin. Ich wünsch denen `ne Umarmung und gutes Verabschieden. Wenn ich wirklich nachdenken würde, wäre so ein Impuls, den ich immer mitgeben würde, das Thema Abhängigkeit. Das ist, glaube ich, so ein Grundthema. Ja …

Dr. Stefan Junker: Selbst jahrelang erfahrene Therapie- und Medienprofis kennen es: das Hochstapler:innen-Syndrom. Was gibt Ihnen die Gewissheit, in dem was Sie tun richtig und kompetent zu sein?

Brigitte Lämmle: Meine Tochter ist Psychologin. Viel klüger als ich, weil Doktor und Professor, Systemikerin … und weil sie das auch noch alles hinterfragt. Und wenn die gefragt wird „Hast du einen Therapeuten für mich?“, dann sagt sie: „Ich kenne nur einen, wo ich dich hinschicken kann. Meine Mama“.


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Brigitte Lämmle

Ihre TV-Show „Lämmle live” machte sie zur bekanntesten TV-Psychologin Deutschlands. Bis heute arbeitet die systemische Paar- und Familientherapeutin in eigener Praxis und lehrt als Lehrtherapeutin.

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