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Im Gespräch: Prof. Dr. Ulrich Clement

Prof. Dr. Ulrich Clement wird von manchen als “Deutscher Papst der Sexualtherapie”
gehandelt. Zweifelsohne leitete er mit seinem Standardwerk “Systemische Sexualtherapie”
einen Paradigmenwechsel in der Sexualtherapie ein: Statt sich in der Therapie auf die
Störungen der sexuellen Funktion zu konzentrieren, interessiert er sich für das individuelle
sexuelle Profil der Partner:innen und dafür, wie sie darüber miteinander ins Gespräch
kommen. Mit Dr. Stefan Junker sprach Prof. Dr. Ulrich Clement u.a. über die spannende Dramaturgie
in Paartherapien, über seine therapeutische Haltung und die Rolle von Humor.

von Dr. Stefan Junker und Maria Schmidt

Dr. Stefan Junker: In sexualtherapeutischen Fachkreisen bist Du bekannt wie ein bunter Hund. Wie würdest Du Dich Menschen außerhalb der Fachwelt in einem Satz vorstellen?

Prof. Dr. Ulrich Clement: Da bringst du gleich zwei schräge Metaphern ins Spiel. Ich möchte mit Herrn Ratzinger in keinerlei Hinsicht verglichen werden. Und was den bunten Hund betrifft: Wau! Wie ich mich in einem Satz vorstellen würde? Guten Tag, ich bin Ulrich Clement.

Dr. Stefan Junker: Und wenn ich nun an einer Langfassung interessiert wäre… Wenn Paare mit dir gearbeitet haben und ich würde die nach Dir fragen, was würde ich möglicherweise zu hören bekommen?

Prof. Dr. Ulrich Clement: Das wird bei den Paaren unterschiedlich sein. Ich weiß es nicht, aber ich hoffe, dass ihnen meine Einstellung gefällt…. Ich lasse mich auch von komplizierten Fällen nicht so schnell ins Bockshorn jagen, eher im Gegenteil. Die interessieren mich besonders. Ich habe, glaub ich, ein Herz für die Schrulligkeiten der Menschen. Sie sind bei mir willkommen. Die seltsamen Vorlieben oder Ideen sind bei mir genauso gut aufgehoben wie die normalen.

Dr. Stefan Junker: Und was würde ich von Kollegen zu hören bekommen? Was finden die an Deiner Arbeit bemerkenswert?

Prof. Dr. Ulrich Clement: Ich beziehe mich auf diejenigen, die bei mir Seminare besucht haben oder die meine Arbeit über Therapeuten-Fortbildungs-Videos (lifelessons.de) kennen. Die Kollegen sagen auch, meine Haltung wär’s. Damit meinen sie wahrscheinlich, dass ich ein ziemlich breites Spektrum bedienen kann, ohne es gleich zu bewerten . Es gibt einen Satz – ich habe ich gar nicht gemerkt, dass ich den so oft verwende – den zitieren die Kollegen oft: “So kann man ́s auch machen … ”. Das ist auch ein Bekenntnis. Man kann ́s wirklich so oder so machen. Beziehung, Sexualität, da geht alles Mögliche.

Dr. Stefan Junker: Warum bist Du gerade Paartherapeut geworden? Was fasziniert Dich an der Arbeit mit Paaren?

Prof. Dr. Ulrich Clement: Ich fand Paare immer interessanter als Einzelne, muss ich sagen. Paartherapien sind dramaturgisch meist spannender als Einzeltherapien. Bei Paaren kann man schneller sehen, wo sie Lösungspotential haben, auch wenn sie hoch zerstritten sind. Ich kenne einige Kollegen, die sagen: “Paartherapie ist doch viel schwieriger, weil immer zwei Leute … bei Einzeltherapien hast du nur Einen”. Das stimmt, aber was daran einfacher ist: Mein paartherapeutisches Thema ist primär deren Beziehung und nicht die einzelne Person, mit der ich dann arbeite. Die haben ja Gefühlserwartungen an den Partner, aber nicht an mich als Therapeut. Das macht es mit Paaren deutlich einfacher.

Dr. Stefan Junker: Nach so vielen Jahren Berufserfahrung würde vielleicht so manch Einer therapiemüde werden – Du nicht. Was motiviert Dich immer wieder auf’s Neue?

Prof. Dr. Ulrich Clement: Was mich lebendig hält beim Therapieren, ist meine Neugier. Ich habe im Laufe meiner Berufsjahre mittlerweile unzählige Fälle behandelt… und ich find es immer wieder spannend. Aber die Paare sind ja nicht per se spannend, das ist eine Frage meiner Einstellung: Wenn ich mit einem Paar zu tun habe, das ich noch nicht kenne, bin ich erstmal gespannt, was die beiden zu erzählen haben. Also nicht: “Ohje, ohje, was wird das wieder für ein schwieriges Gespräch?”, sondern eher “Welches interessante Rätsel gibt es hier zu untersuchen?“ Dieser Wechsel zwischen den Mustern, die ich schon kenne, und den Überraschungen, die ich noch nicht kenne, ist eigentlich das,
was für mich so ‘ne Lebendigkeit ausmacht. Lebendigkeit und Neugier gehören zusammen.

Dr. Stefan Junker: Welche Rolle spielt Humor für Dich?

Prof. Dr. Ulrich Clement: Wenn ich Paare aus so einer verbitterten Grundverfassung herauslocken kann…, dann hab ́ ich auch das Gefühl, ich mache eine richtig gute Arbeit. Aber wichtig: Humor will gut dosiert sein. Jemand, der in einer völlig verzweifelten Situation ist, dem darf ich erst mal nicht mit Humor kommen.

Für mich gehört Humor aber auch zu meiner internen Regulation als Therapeut. Das muss das Paar gar nicht mitbekommen. Das ist kein lauter Humor. Eher ein stiller, den ich für mich habe: “Ohje, die machen sich ja das Leben schwer und sind immer noch zusammen. Wie schaffen die das? … ”. Vielleicht klingt das nicht so humorvoll, aber dahinter steht die Idee, es könnte anders sein. Wie kann ich aus einer tragischen Grundgeschichte eine erträgliche Geschichte machen? Und wie kann ich aus einer festgefahrenen Situation eine freiere machen? Das interessiert mich ganz zentral. Ich habe dann manchmal eine sportliche Einstellung, wenn Paare mit besonders vertrackten Problemen kommen. Dann überlege ich: Wie löse ich das Kreuzworträtsel dieses Paarkonflikts? Wie kann ich deren Problem so beschreiben, dass ich einen Lösungsansatz erkennen kann? Krieg ich die da jetzt heraus? Und dann hab ich Freude dran…

Dr. Stefan Junker: Wo liegen Deine Grenzen als Therapeut? Gibt es Dinge, die Dich aus der Fassung bringen können?

Prof. Dr. Ulrich Clement: Ich glaube ich kann relativ viel nehmen. Was ich schlecht nehmen kann, das sind Dauerklagende. Menschen, mit denen du dich dran abarbeitest und vielleicht gute Ideen hast, was für die passen könnte. Und die jammern ewig weiter, weil sie ihre Opferrolle nicht aufgeben wollen. Die spüre ich relativ früh und empfehle denen dann immer woanders hinzugehen. Ich habe wie alle erfahrenen Therapeuten ein gutes Gespür dafür, wer bei mir gut aufgehoben ist und wer nicht. Ich würde denen nicht grundlos kündigen, ich komme dann eher zu so Aussagen wie: “Ich glaube, wir sind kein gutes Gespann füreinander. Ich glaube, jemand anderes wäre für Sie besser”. Die können ja auch nichts dafür, dass sie bei mir schlecht aufgehoben wären. Aber andere Therapeuten können das
besser.
Aber auch Patienten, die mir nahelegen, ich brauche sehr, sehr viel Geduld und sehr viele Sitzungen. Die sind bei mir auch nicht an der besten Adresse. Sagen wir mal so: Ich glaube, ich bin dann gut, wenn ich den Eindruck habe, mit denen kann ich in einer begrenzten Zeit einen erkennbaren Anstoß für eine produktive Veränderung erreichen. Nicht das lange und schwere Durcharbeiten, das will ich ja gar nicht. Aber da kann was passieren. Die sind dann bei mir richtig. Und nicht die, die sich setzen und sagen: “So! Jetzt hab ich einen Therapieplatz”. (lacht) Therapieplatz heißt ja immer, es dauert lang…

Dr. Stefan Junker: Was machst Du heute anders als vor 10, 20, 30 Jahren?

Prof. Dr. Ulrich Clement: Als ich als Therapeut anfing, hatte ich zwei Ideen, die beide etwas größenwahnsinig waren und sich zudem völlig widersprachen. Das habe ich aber erst später gemerkt. Die eine Idee war: Ich mache Therapie, um den Menschen rauszuhelfen aus seiner Not. Das war eine Helfermotivation. Auf der anderen Seite habe ich mir gedacht: Therapie, das ist Manipulation. Das geht nicht zusammen, das hab ich aber auch erst später gemerkt. Mittlerweile denke ich beides nicht mehr: Ich denke nicht, dass man Menschen in einer Therapie manipulieren kann, es sei denn, sie haben ein unbewusstes Interesse daran. Und ich agiere nicht primär als Helfer. Eher als Forscher. Mich interessiert, was die Leute bewegt. Deshalb bin ich ja auch nicht der Meinung, wie manche Therapeuten, man müsste unbedingt und schnell auf Lösungen kommen. Ich will erst das Problem verstehen. Diese Probleme haben eine eigene Ästhetik, wie Kunstwerke. Deshalb staune ich auch so gerne. Staunen mach ich gerne, mich wundern… Das passt auch zur Neugierde. Und auch dann gleichzeitig die Offenheit, die Überzeugung, so kann man es auch machen.

Dr. Stefan Junker: Was wäre, wenn alle Rollen in Richtung Therapie und Psychologie auf einmal wegfallen würden?

Prof. Dr. Ulrich Clement: Dann hätte ich das Gefühl ich hab ein gutes Leben gehabt. Bis dahin… Dann könnte ich abtreten. Ich habe keine Ahnung, wer ich bin, wenn ich kein Therapeut bin. Ich mach zwar dies und jenes, aber wer ich dann bin…? Wahrscheinlich ist die Therapeutenrolle eine, die meine innere Leere ausfüllt: Ich glaube, ich wäre ein Nichts.

Dr. Stefan Junker: Wenn es eine Sache gäbe, vor der du möglichst viele Paare bewahren tätest. Was wäre es?

Prof. Dr. Ulrich Clement: Wenn es einen Satz gäbe, den ich allen Paaren mitgeben könnte, damit sie nicht ins Unglück reinlaufen: Versucht nicht, den Partner zu ändern. Es geht nicht.


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Ulrich Clement

Der renommierte Sexualwissenschaftler und Buchautor ist Leiter des Ifsex Heidelberg, lehrt Systemische Sexualtherapie und ist Mitbegründer des Studiengangs “Sexualmedizin/Sexualtherapie“ der Uni Basel.

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